Grjasnowa, Olga by Russe ist einer der die Birken liebt

Grjasnowa, Olga by Russe ist einer der die Birken liebt

Author:Russe ist einer, der die Birken liebt
Format: epub


XII.

Ich fing an, alles in Kisten zu packen, auf manche schrieb ich meinen Namen, auf die meisten den von Elischas Eltern. Seit seinem Tod war mittlerweile mehr als ein halbes Jahr vergangen, und seine Eltern hatten mir regelmäßig Postkarten geschrieben, auf deren Rückseiten sie mich ermahnten, Elischas Sachen an sie zu schicken. Die Postkarten zeigten thüringische Landschaftsaufnahmen. Sie kamen wöchentlich und in weißen Umschlägen, damit sich ihr Inhalt nicht dem Postboten aufdrängte. Nach einer Weile fingen die Motive an, sich zu wiederholen. Die Karten waren stets mit einem schwarzen Kugelschreiber und in Horsts schmaler Handschrift geschrieben. Die Höflichkeitsfloskeln wurden zunehmend ausgespart, und oft waren einzelne Wörter nicht lesbar, da Horst wohl betrunken und in Phasen großer emotionaler Aufwühlung schrieb, über die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit klagend. Ich verstand nicht, weshalb er ausgerechnet das Motiv der thüringischen Landschaft wählte. Thüringen hatte doch nichts mit unserem subjektiven Rechtsempfinden zu tun.

Ein Urteil stand mir nicht zu, doch Horst ist alles andere als ein guter Vater gewesen. Er versoff die Wirtschaft seiner Frau und trainierte ab und zu die dörfliche Fußballmannschaft. Elischa, der sich niemals im Sport hervorgetan hatte, wurde nach jedem Spiel verprügelt, der Sohn eines Sportfunktionärs sollte weder zu einem Waschlappen noch zu einem Homosexuellen heranwachsen. Elias hatte lange gebraucht, um zu verstehen, dass Liebe nicht ausschließlich durch Schläge ausgedrückt werden kann.

Ich hatte weder Horst noch Elke erklären können, dass ich Elischas Sachen brauchte, dass ich sie in unserer Wohnung brauchte, weil ich stunden- und tagelang durch die Wohnung tigerte und mir einredete, dass Elischa gleich durch die Tür kommen wird.

Nun stand ich in dieser Wohnung, aus der ich eigentlich nie mehr ausziehen wollte, und packte. Es hatte lange gedauert, bis Elias und ich eine Wohnung gefunden hatten. Meistens sahen wir uns zusammen mit dreißig anderen Paaren eine Immobilie an, die immer viel zu teuer war. Und dann kritisierte Elischa den Grundriss, die Farben, die Böden, das Licht. Wenn ich schon im Treppenhaus sein unzufriedenes Gesicht sah, dachte ich, es würde an mir liegen.

Ich fing mit der Küche an, es war ein großer und heller Raum, semiprofessionell ausgestattet: Wir hatten alle Arten und Größen von Tellern, Schalen, Platten, Gläsern, Gabeln, Messern, Löffeln, Pfannen, Töpfen, Auflauf- und Backformen, eine Nudelmaschine und einen Reiskocher, aber keine zwei Teller, die zueinanderpassten. Unser Geschirr und unser Besteck waren Stück für Stück in unsere Küche eingewandert, meistens aus Restaurants, in denen Elischa als Beikoch gearbeitet hatte, oder aus anderen Lokalitäten, und da es schwierig war, zwei Weingläser auf einmal in

einer Handtasche verschwinden zu lassen, deckten wir unseren Tisch mit unterschiedlichsten Tellern und Gläsern ein. Wir klauten überall, in Cafés, Gaststätten, Restaurants, Imbissen, in Frankfurt und auf Reisen. Alles in unserer

Küche hatte eine Geschichte: die große Platte mit einer nackten Frau aus einem Imbiss in New York, die Kristallgläser aus Hotels, in denen wir gearbeitet hatten, die kleinen Kuchenformen aus Paris.

Natürlich hatten wir es nicht als Klauen betrachtet, sondern eher als einen Schlag gegen das System. Wenn wir schon in schlecht bezahlten Jobs ausgebeutet wurden und unsere Vorgesetzten uns als Leibeigene behandelten, sollten wenigstens ein paar Steakmesser drin sein.



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